
Foto: Q1 Energie AG
Steigende Energiepreise, neue Mobilitätsbedürfnisse und politische Vorgaben verändern derzeit spürbar den Tankstellenmarkt und stellen Betreiber vor die Frage, wie sie auch künftig wettbewerbsfähig bleiben können. Mit Frederick Beckmann, CEO der „Q1 Energie AG“ sprach die „tankstelle“ für die Juni-Ausgabe 2026.
- Herr Beckmann, Sie betonen, dass Deutschlands Energieproblem vor allem ein Strukturproblem ist – welche konkreten Konsequenzen ergeben sich daraus für Tankstellenbetreiber?
Deutschlands Energieproblem ist strukturell und geprägt von Umsetzungsdefiziten. Für Tankstellen steigt der Anpassungsdruck: Reine Kraftstoffmodelle verlieren an Zukunftsfähigkeit. Erfolgreich werden Standorte, die E-Laden, alternative Energien und Services kombinieren. Gleichzeitig wächst die Komplexität. Investitionen in die eigene Energieautarkie erhöhen Resilienz und senken Abhängigkeiten. Die Tankstelle der Zukunft ist kein eindimensionaler Absatzpunkt mehr, sondern ein integrierter Mobilitäts-Hub.
- Die Energiewende findet bislang stark im Stromsektor statt. Welche Rolle sehen Sie hier künftig für klassische Tankstellen im Mix aus Biofuels, PtX, Wasserstoff und Ladeinfrastruktur?
Tankstellen werden zu zentralen Schnittstellen der Energiewende. Ihre Stärke liegt in der bestehenden Infrastruktur, in der Logistik und dem direkten Kundenzugang. Neue Energieträger lassen sich hier schneller und effizienter ausrollen als auf der grünen Wiese. Kurzfristig liefern HVO100 und Ladeinfrastruktur skalierbare CO2-Reduktion. Mittelfristig ergänzen PtX-Kraftstoffe das Angebot, Wasserstoff bleibt ein Nischenprodukt. Erfolgsfaktor ist ein technologieoffener, wirtschaftlich tragfähiger Energiemix je Standort.
- Stichwort „Einmal-täglich“-Regelung für Kraftstoffpreise: Welche Auswirkungen erwarten Sie im Hinblick auf Wettbewerb?
Die Regel greift stark in einen bislang funktionierenden Wettbewerbsmechanismus ein. Sie zwingt Anbieter, Preisrisiken vorab einzupreisen, statt flexibel auf Marktbewegungen reagieren zu können. Das hebt das Preisniveau strukturell an und glättet die Tagesdynamik. Sichtbar sind flachere Preiskurven, punktuelle Spitzen zum Anpassungszeitpunkt und ein Wettbewerb, der sich stärker auf Standort und Marke verlagert. Für mittelständische Anbieter kann das zum Nachteil werden, da Flexibilität für sie ein zentraler Wettbewerbsfaktor ist.
- Sie kritisieren den Begriff „Abzocke“ bei der Kraftstoff-Preisbildung und fordern mehr Transparenz: Wie kann das gelingen?
Die „Abzocke“-Debatte greift zu kurz, denn Zapfsäulenpreise sind hochtransparent. Was oft fehlt, ist Transparenz über die Preisentstehung in den vorgelagerten Stufen: Rohöl, Produktmärkte, Wechselkurse, Steuern sowie Logistik. Tankstellenmargen sind gering und starkem Wettbewerb ausgesetzt. Für echte Transparenz braucht es bessere Einblicke in Raffinerie- und Großhandelsmärkte, verlässliche Preisindizes und weniger populistische Debatten zugunsten ordnungspolitischer Präzision.
- Welche Prioritäten sollten Tankstellenunternehmen heute setzen, um resilient und wettbewerbsfähig zu bleiben?
Die aktuellen Rahmenbedingungen sind herausfordernd, aber sie bieten auch Chancen. Mittelständische Betreiber sollten drei Prioritäten setzen: Diversifizierung hin zu Multi-Mobility-Hubs mit Ladeinfrastruktur, Biofuels, perspektivisch PtX. Zweitens: stärkere Kundenbindung durch Services wie Convenience steigert Relevanz trotz Preisschwankungen. Drittens: Strategisches Kosten- und Lieferkettenmanagement zur Stabilisierung der Margen. Wer flexibel, technologieoffen und kundennah agiert, bleibt auch in volatilen Märkten erfolgreich.
Text: Lisa Levy


