
Foto: DHBW Heilbronn
Wenn man die Zahlen der letzten sechs Jahre anschaut, wird nach Ansicht einiger Forschender der DHBW Heilbronn schnell klar: Smart-Stores sind längst keine Nische mehr. Seit der Öffnung des ersten Smartstores 2019 ist die Branche allein in Deutschland auf 723 Stores gewachsen.
Die Lernkurve der letzten sechs Jahre verlief steil: Was Unternehmer, Betreiber und technologische Provider in den letzten Jahren und Monaten gelernt haben, teilten sie bei den „Retail Innovation Days Smart Stores 24/7“ – dem Branchentreff, organisiert vom Studiengang Retail Management der DHBW Heilbronn. Prof. Dr. Stephan Rüschen präsentierte nicht nur Best Practices aus der Praxis, sondern aktuelle Zahlen aus sieben neuen Studien.
Experimentieren mit verschiedenen Formaten
Der Großhändler „Lekkerland“ hat sich kürzester Zeit vom Logistik-Experten zum Händler entwickelt und schnell dazu lernen müssen. Das Resultat: One size does not fit all. Daher hat „Lekkerland“ verschiedene Formate entwickelt – zum Beispiel Grab and Go Stores, „Rewe Ready“ an E-Ladestationen oder Smart Fridges für Standorte mit hoher Frequenz wie Bahnhöfe und den Frankfurter Flughafen. Smart Fridges sind KI-Kühlschränke, die modular zusammengesetzt werden können: von drei bis acht Kühlschränken kann jeder Standort innerhalb von zwei Tagen bestückt werden. Bei 40 Käufen pro Tag rentiert sich die Anschaffung eines Smart Fridge bereits nach eineinhalb Jahren. Passend zum Zielpublikum können sie mit verschiedenen Warengruppen ausgestattet werden – Eis, Obst, Tiefkühlprodukte oder Milchprodukte. Der Vorteil: Die Kunden können die verschiedenen Produkte anfassen und probieren.
Auch „Teo“ hat mit dem Relaunch durch Smart Retail Solutions an verschiedenen Lösungen für Kunden gearbeitet: barrierefreie Eintrittsoptionen mit App, Giro- oder Kreditkarte, ein Notfallknopf mit 24-Stunden-Leitstelle, neue Hero-Products wie Baby-Schnuller oder eine Sitzbank zum Verweilen.
Was Goliath von David lernen kann
Die V-Märkte sind für ihre großen Verkaufsflächen bekannt, laut Geschäftsführer Michael Stöckle fühlt sich das Unternehmen dann erst richtig wohl: „Die Musik spielt bei uns in der Großfläche“. Jetzt allerdings setzt das Handelsunternehmen mit seinen teilautonomen V-Minis auf Nahversorgung mit Vollsortiment auf 100-400 Quadratmetern. Warum? Stöckle verspricht sich wichtige Erkenntnisse aus den Mini-Läden, die er dann auf der Fläche umsetzen kann. Zudem wolle man das Image als Nahversorger und Technikvorreiter stärken. Die Technik des autonomen Selbstbedienungsmodells stammt von der Firma Wanzl. Ein wichtiges Learning laut Stöckle: Die Ablagefläche am SCO-Bereich muss groß genug sein, denn zur Grundversorgung auf dem Land wird viel eingekauft.
Und was will der Kunde?
Auch die Studie der Unternehmensberatung „Bormann und Gordon“ hat Kunden verschiedener Smart Store Anbieter befragt. Mit Hilfe von In-App Befragungen wurde sichergestellt, dass die Kunden sich in realen Nutzungssituationen befinden, so Geschäftsführer Reiner Graul. Das waren die drei wichtigsten Ergebnisse der Befragungen: Bei manchen Anbietern treten gehäuft Vorratslücken auf, Kunden vermissen Sonderangebote und die Impulszonen an den Kassen.
Mehr Impulszonen an den Kassen und mehr Promotionsflächen: das ist auch der Wunsch von Lebensmittel-Produzenten wie „Mars Wrigley“. Patricia Frank und Christoph Grube aus dem Category und Channel Development des Konzerns haben einfache, aber wirksame Lösungen mitgebracht: kleinere POS-Materialien, Regalbeleuchtungen, aber auch Kombi-Angebote wie Heißgetränke und Schokolade.
Weniger Personal, mehr Technik
Das tschechische Unternehmen „P.V.A. systems“ ist Experte für die Automatisierung von Läden, insbesondere von Kassensystemen. Bereits mehr als 11.000 Kassensysteme haben sie schon für große Handelsunternehmen wie Coop oder Metro implementiert. Die selbst entwickelte und angelernte KI erkennt automatisch, welches Obst oder Gemüse auf die Self-Scanning-Zone gelegt wird oder macht mehrere Vorschläge, wenn die KI sich nicht sicher ist. Doch das ist noch nicht alles. Die KI zählt die ausgewählten und bezahlten Artikel und verhindert dadurch absichtlichen oder unabsichtlichen Diebstahl. Michel Polasek, Project Manager bei „P.V. A. systems“, weiß: „Die meisten Diebstähle finden an der Kasse statt“. In vollständig automatisierten Läden erkennt die KI, wenn ein Besucher Probleme hat, z.B. bewusstlos am Boden liegt und verständigt sofort Hilfe.
Was braucht das Dorf in Zukunft?
Die ländliche Nahversorgung nimmt immer weiter ab und ist zudem teurer als die städtische Nahversorgung, so die Umfrageergebnisse von YouGov. Account Manager Michael Schwaer ist sich deshalb sicher, dass Smart Stores 24/7 die Rettungsanker für die Versorgung im ländlichen Raum seien. Dabei spiele insbesondere die Regionalität der Produkte eine wichtige Rolle: „Es ist wichtig regional zu sein, weil die regionalen Produzenten ein Gesicht haben“. Dorfläden seien darüber hinaus mehr als ein Ort zur Grundversorgung, sondern auch der sozialen Teilhabe und des Austauschs. Sie integrierten häufig Basis-Dienstleistungen wie das Aufgeben von Paketen, Bankdienstleistungen oder ein zusätzlich gastronomisches Angebot wie etwa einen Mittagstisch.
„Tante Enso“ – von 18 auf 55.000 Mitglieder
Diese Entwicklung ist bei „Tante Enso“ bereits fest eingeplant: Bald soll der erste Smart Store mit einem Bürger-Service-Center an den Start gehen. Dort können zum Beispiel Passfotos gemacht oder der Führerschein verlängert werden. Auch eine telemedizinische Versorgung ist denkbar: Sie kann zwar den Arztbesuch nicht ersetzen, aber zum Beispiel eine Rezeptverlängerung genehmigen oder eine Überweisung erstellen. Das Konzept des neuen Dorf-Zentrums kommt an: Tante Enso erreichen über 1.000 Bewerbungen für neue Standorte. Nach einer ausführlichen Analyse wird entschieden, ob der Ort genug Potenzial hat. Danach bekommt jeder Bewerber vier Wochen Zeit, um 300 Teilhaber für die Enso-Genossenschaft zu gewinnen. Sollte das gelingen, steht der großen Eröffnungsfeier nichts mehr im Weg. 41 neue Orte können sich in der nächsten Zeit auf diese Party freuen: so viele neue Standort-Verträge sind bereits unterzeichnet.
Ein „Amazon für Landwirte“, das war die Vision von Start-up Gründer André Tiede der „Yobst GmbH“. Landwirte seien sehr an der Direktvermarktung interessiert, eine Herausforderung seien dabei die riesigen produzierten Mengen selbst in die Fläche zu bringen. Tiede hat dafür Verkaufscontainer eingerichtet, für welche sich die Landwirte als Händler anmelden können. Wie bei Amazon findet zuerst eine Überprüfung der Produkte statt, danach werden die Produkte in den Laden gestellt. Gekauft wird im Container dann direkt beim Erzeuger. Die Zahlungsabwicklung sowie die gesamte Warenwirtschaft inklusive dynamischer Preisgestaltung, MHD-Überwachung und die intelligente Bestandsverwaltung läuft automatisiert über Yobst. Tiedes wichtigste Learnings: Die Auswahl und Verfügbarkeit verschiedener Lebensmittel müsse gewährleistet sein. Zudem funktioniere ein ausschließlich regionales Sortiment nicht, denn „man braucht auch Reis und Alufolie“.
Neue Ideen für Direktvermarkter: Traditionshandwerk to go
Bedient wird man in den Smart Stores der Metzgerei Heißener Hof nicht, dafür ist täglich bis 22 Uhr offen. Die Kunden schätzten laut Geschäftsinhaber Johann Steineshoff vor allem, dass der Einkauf sehr schnell gehe. Aufgrund der langen Öffnungszeiten hätte er viele Kunden wieder zurückgewonnen. Insbesondere der Sonntag schlage mit 20 Prozent des Wochenumsatzes deutlich zu Buche. Ein weiterer Vorteil: Jeder Smart Store brauche nur knapp 0,7 Personen zur Betreuung. Die technische Umsetzung stammt von der Smart Store 24 GmbH, die sich auf autonome Ladenkonzepte für Metzgereien und Hofläden spezialisiert.
Auch der Biohof Peters in der Nähe des Steinhuders Meers und die Firma Lokbest sind ein Erfolgsgespann: Die Firma Lokbest hat ein einfaches und effektives System für Direktvermarkter entwickelt. Zu den 41 Kunden von Lokbest gehören Gärtnereien, Campingplätze, Bäckereien, aber auch ein Messerschleifer und natürlich Hofläden wie der von Kerstin Peters. „Das neue Lokbest-System war die Rettung für unseren Hofladen“, so Peters. „Wir konnten vor allem neue junge Kunden gewinnen, aber auch die Kundschaft über 60 Jahren steht der neuen Technik aufgeschlossen gegenüber“. Mit überschaubaren Investitionen für Türschloss, Kameratechnik und QR-Scanner haben sie in kurzer Zeit 1.500 neue App-Nutzer erreicht.
Der bekannte Sylt-Bäcker Raffelhüschen hat sein Traditionsbackwerk mit neuester digitaler Technik verknüpft. Denn hohe Personalkosten, schrumpfende Öffnungszeiten und steigende Energiekosten machten einige Filialen unrentabel. Unterstützt wurde er dabei von der Bäko-Genossenschaft und deren Business Development Abteilung. Die Systeme sind variabel einsetzbar: von der Vollbedienung bis hin zur Selbstbedienung ist alles dabei. Dabei stellt die Branche besondere Herausforderungen an Sensorik und KI: kleinste Mengen müssen erkannt werden, die KI muss Abweichungen der einzelnen Backwaren variabel erfassen können.
Die Crux mit dem Bezahlen
Ein Nadelöhr von Smart Stores sind nach wie vor die Bezahlsysteme, immer wieder gibt es hier Probleme bei Kartenzahlungen. Oliver Hommel, CEO von „EURO Kartensysteme GmbH“, will die Zahlungsabwicklung mithilfe der Girocard für den Kunden weiter vereinfachen. Girocards seien im Handel bereits sehr beliebt, weil sie ein kosteneffizientes und deutsches System seien. Um Zahlungen im Smart Store noch zu vereinfachen, könnten Vorautorisierungen von bestimmten Beträgen für die Laden-App gemacht werden und so der Bezahlvorgang durch das Scannen eines QR-Codes erledigt werden. Ziel sei es, das Bezahlen und Kundenbindungsprogramme in einem Vorgang zusammen zu fassen und eine In-App-Zahlungsfähigkeit herzustellen.
Diskussion Sonntagsöffnung: Neue Regelung in Baden-Württemberg soll kommen
Im letzten Programmpunkt ging es um die Frage, ob Sonntagsöffnungen notwendig sind oder nicht. Viele Smartstore-Betreiber beantworten die Frage mit einem klaren Ja: Bei der Metzgerei Heißener Hof schlagen die Sonntagsumsätze mit 20 Prozent zu Buche, auch beim zweitgrößten deutschen Smartstore Betreiber „Tante-M“ macht der Sonntag 16 Prozent des Umsatzes aus. „Ohne Sonntag gibt es keinen Montag und Dienstag“, zieht Christian Maresch, Gründer und CEO von „Tante M“, sein Fazit in der Podiumsdiskussion. Kathinka Kaden und Thomas Dinger von der Sonntagsallianz halten am Ruhetag fest und stellen sich die Frage, ob Dauer-Rausch-Kaufen glücklicher macht. Neuigkeiten gab es vom CDU-Landesvorsitzenden MdL Thomas Vogt: Gemeinsam mit den Grünen soll es noch in diesem Jahr eine neue Regelung zur Sonntagsöffnung geben.
Fazit: Die Frage ist nicht, ob Smart Stores bleiben werden. Die GMA erstellte auf Basis von GPS-Daten eine Landkarte, die 966 White Spots in der Nahversorgung aufzeigt. Das sind Orte, die mindestens 1.000 Einwohner haben und die außerhalb der Einflussbereiche klassischer Wettbewerber liegen. Die neuen Fragen werden daher sein: wie viele dieser Ortsteile haben dann einen Smart Store? Welche Ideen und Konzepte werden sich noch entwickeln?