
Foto: Klaus Ranger
Synthetische Kraftstoffe gelten als wichtiger Baustein für die Dekarbonisierung des Verkehrs. Thorsten Herdan, Geschäftsführer von „HIF Emea“, spricht im Interview mit der „tankstelle“ über die Potenziale von E-Fuels, die Rolle bestehender Tankstelleninfrastruktur und darüber, warum erneuerbare Kraftstoffe den bestehenden Energiemix ergänzen sollen. Das Interview ist erschienen in „tankstelle“ 06 am 15. Mai 2026.
Geopolitische Spannungen und volatile Energiemärkte erhöhen den Druck auf Europa, Alternativen zu fossilen Kraftstoffen zu etablieren. Vor diesem Hintergrund rücken synthetische Kraftstoffe zunehmend in den Fokus der Diskussion. Studien sehen in E-Fuels langfristig das Potenzial, fossile Energieträger weitgehend zu ersetzen. Gleichzeitig stehen Themen wie Skalierung, Verfügbarkeit und Kosten weiterhin im Mittelpunkt der Debatte.
Im Gespräch mit der „tankstelle“ erläutert Thorsten Herdan, Geschäftsführer von „HIF Emea“, wie das Unternehmen erneuerbare Kraftstoffe produzieren will und welche Rolle Tankstellen künftig dabei spielen könnten.
Herr Herdan, HIF ist noch ein junges Unternehmen. Was genau steckt dahinter?
HIF ist 2022 aus einer chilenischen Energiegruppe entstanden. Ausgangspunkt war die Frage: Was machen wir mit überschüssiger und ungenutzter erneuerbarer Energie, die sich nicht als Strom abtransportieren lässt? Unsere Antwort: Wir wandeln Wind- und Solarenergie in flüssige Kraftstoffe um – also in etwas, das sich speichern, transportieren und im Luft- und Schiffsverkehr und an bestehenden Tankstellen nutzen lässt.
Das klingt nach einem radikalen und nachhaltigen Ansatz. Wie funktioniert dieser Prozess konkret?
Vereinfacht gesagt: Wir erzeugen aus Windstrom zunächst Wasserstoff, kombinieren ihn mit recyceltem CO₂ und produzieren daraus Methanol. Dieses Methanol ist unser „Baustein“, aus dem wir anschließend Benzin, Kerosin oder auch chemische Grundstoffe herstellen können. Der große Vorteil: Am Ende entsteht ein Kraftstoff, der chemisch identisch mit herkömmlichem Benzin ist – nur eben erneuerbar.
Sie haben in Chile eine erste Anlage gebaut. Was leistet diese?
Unsere Pilotanlage in Südpatagonien ist weltweit die erste ihrer Art. Dort steht eine Windenergieanlage, eine Elektrolyse, eine Methanolsyntheseanlage und eine Anlage, die dieses Methanol in Benzin umwandelt. Die Anlage produziert rund 130.000 Liter im Jahr – sie dient dazu, Technologie zu testen und zu lernen. Der nächste Schritt sind Anlagen im industriellen Maßstab mit deutlich höheren Produktionsvolumina.
Warum entstehen Projekte oft in abgelegenen Regionen wie Chile oder Uruguay?
Da dort enorme Mengen erneuerbarer Energie zu Kosten von etwa 20 bis 30 Prozent des deutschen Niveaus vorhanden sind, die lokal nicht genutzt werden können. In Südchile etwa gibt es keine große Nachfrage nach Strom oder Wasserstoff, da dort nur wenige Menschen wohnen. Also bleibt nur: entweder ungenutzt lassen – oder in einen transportfähigen Energieträger umwandeln. Genau hier kommen wir ins Spiel.
Welche Rolle spielt Europa – und speziell Deutschland – dabei?
Europa wird ein zentraler Absatzmarkt sein. Wir sehen auch vor dem Hintergrund steigender Importbedarfe für erneuerbare Energieträger großes Potenzial, etwa indem wir Methanol importieren und hier in bestehenden Raffinerien zu Kraftstoffen weiterverarbeiten, die dann zum Beispiel an Tankstellen verkauft werden können. Das schafft Wertschöpfung vor Ort, erhöht die Versorgungssicherheit und schützt gleichzeitig das Klima.
Was bedeutet das konkret für Tankstellenbetreiber?
E-Fuels können ganz normal über bestehende Tankstellen vertrieben werden – ohne neue Zapfsäulen oder Umbauten, denn die Infrastruktur ist bereits da. Zu Beginn wird es eher so sein, dass e-Fuels dem bestehenden fossilen Kraftstoff beigemischt werden. Diese Beimischung kann Stück für Stück erhöht werden. Da sie chemisch identisch sind, ist das kein Problem. Für den Kunden bleibt das Tanken gleich, aber der CO₂-Fußabdruck sinkt.
Stichwort Beimischung: Welche Chancen sehen Sie hier?
Das ist genau der richtige Ansatz, um den fossilen Kraftstoffsee Stück für Stück durch chemisch identische, aber erneuerbare Kraftstoffe zu ersetzen. Ein spannender Ansatz für den ersten Markteinstieg ist die Beimischung von E-Methanol, natürlich nach den Vorgaben der Kraftstoffnorm EN 228. Schon mit kleinen Anteilen lassen sich erste CO₂-Einsparungen erfüllen. Bei größeren Beimischungen wird einfach chemisch hergestelltes e-Benzin mit fossilem Benzin geblendet. Für Tankstellen bedeutet das: Sie bleiben Teil des Systems und können aktiv zur Dekarbonisierung beitragen, ohne ihr Geschäftsmodell umstellen zu müssen.
Wie stark hängt die Entwicklung von politischen Vorgaben ab?
Sehr stark. Märkte entstehen aktuell vor allem dort, wo der Gesetzgeber Quoten zur Nutzung von E-Fuels und zur CO₂-Reduktion vorgibt, oder Anreize zur Nutzung schafft. In der EU sehen wir mit der Erneuerbare-Energien-Richtlinie klare Vorgaben zur CO₂-Reduktion im Transportbereich, die in deutsches Recht umgesetzt werden.
Stichwort Regulierung: Welche Rolle spielt die RED III für Tankstellenbetreiber?
Die RED III und die darin enthaltenen Quoten für erneuerbare Kraftstoffe und e-Fuels, genauso wie zur allgemeinen CO₂-Reduktion im Verkehr, sind zentral für den Markthochlauf. Für Inverkehrbringer bedeutet das, dass sie bestimmte Anteile erneuerbarer Kraftstoffe in den Markt bringen müssen – andernfalls drohen Strafzahlungen. Für Tankstellenbetreiber eröffnet sich damit die Chance, auch zukünftig mit zunehmender CO₂-Reduktion im Straßenverkehr auch weiterhin im Markt aktiv zu sein. Die RED III ist damit ein erster und wichtiger Schritt, um den CO₂-Ausstoß im Straßenverkehr zu reduzieren. Ein neuer Vorschlag der EU, der gerade in Deutschland diskutiert wird, soll endlich einen technologieoffenen Ansatz ermöglichen. Das würde bedeuten, dass auch die Klimawirkung erneuerbare Kraftstoffe auf Neufahrzeuge angerechnet werden kann.
Gleichzeitig ist eine weitere Initiative auf europäischer Ebene vorgestellt worden, welcher erstmals die Klimawirkung erneuerbare Kraftstoffe auch für zukünftige Verbrennerfahrzeuge anerkennt. Dieser ist jedoch nicht frei von Widersprüchen: Erneuerbare Kraftstoffe sollen nur zu einem sehr geringen Teil auf Neufahrzeuge angerechnet werden dürfen. Hier muss noch nachgebessert werden.
Wann wird E-Methanol in relevanten Mengen verfügbar sein – auch für die Tankstelleninfrastruktur in Deutschland und Europa?
Wir gehen derzeit davon aus, dass erste marktrelevante Mengen ab 2030 verfügbar sein werden. Das ist der Zeitpunkt, zu dem Projekte wie unser Vorhaben in Paysandú in Uruguay in die Produktion gehen können. Die Mengen werden zunächst begrenzt sein und natürlich gibt es Konkurrenz durch andere Abnehmer wie Luftfahrt oder Schiffahrt. Aber: Über verpflichtende Quoten für E-Fuels im Straßenverkehr entsteht ein eigener Markt, der sicherstellt, dass auch dort Volumina ankommen. Ein Teil des E-Methanols wird direkt in Anwendungen wie E-Benzin weiterverarbeitet. Für Tankstellen bedeutet das, dass sie fertige Kraftstoffe erhalten, die eine geringe Beimischquote an E-Fuels enthalten. Diese sind normkonform und damit mit fossilen Kraftstoffen kompatibel, sodass bestehende Fahrzeuge und Tankstelleninfrastruktur unverändert genutzt werden können.
Welche Rolle können E-Fuels neben der Elektromobilität realistisch spielen?
Wir brauchen verschiedene Lösungen. Dort, wo Strom direkt genutzt werden kann, sollte man das tun. Aber es gibt viele Anwendungen – auch im Bestand – wo flüssige Kraftstoffe sinnvoll bleiben. Unser Ansatz ist: Wir ergänzen das System und machen bestehende Infrastruktur nachhaltiger. Wir müssen alle uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten nutzen, um den CO₂-Ausstoß auf der Straße zu reduzieren. Das sind wir dem Klima schuldig.
Zum Abschluss: Die Route-Zero-Initiative in Patagonien zeigt, dass E-Fuels und Hybridantriebe zusammengedacht werden können. Welche Rolle sehen Sie für die klassische Tankstelle im künftigen Antriebsmix?
Die Tankstelle wird auch künftig eine zentrale Rolle im Energiesystem spielen. Sie entwickelt sich vom reinen Kraftstoffanbieter hin zu einem multifunktionalen Energie-Hub. Neben Strom werden auch flüssige Energieträger wie E-Benzin, E-Methanol oder perspektivisch weitere synthetische Kraftstoffe eine Rolle spielen. Der große Vorteil der E-Fuels liegt darin, dass sie sich in die bestehende Infrastruktur integrieren lassen. Damit können Tankstellen aktiv zur Dekarbonisierung beitragen, ohne ihr Geschäftsmodell grundlegend neu erfinden zu müssen.



Text: Lisa Levy


