
Sie betreut schwerpunktmäßig familiengeführte Unternehmen und vermögende Privatpersonen im Bereich Vermögensmanagement, Vermögenscontrolling und Finanzierungen.
Foto: Straßer Vermögenstreuhand GmbH
Während das klassische Kraftstoffgeschäft weiter Bedeutung hat, gewinnen neue Mobilitätsangebote, Regulierung und geopolitische Unsicherheiten an Gewicht. Die „Straßer Vermögenstreuhand GmbH“ ordnet ein, worauf es für Betreiber und Investoren künftig ankommt.
Dieser Beitrag „Geldanlagen für Tankstellenunternehmen“ ist am 17. August 2026 in der September-Ausgabe des „tankstelle“-Magazins erschienen.
Wie bewerten Sie aktuell die langfristigen Risiken und Chancen von Investitionen in Tankstellenunternehmen und Mineralölgesellschaften – insbesondere vor dem Hintergrund von Energiewende, Elektromobilität und zunehmender Regulierung?
Stefan Straßer: Die Energiewende ist real, verläuft jedoch langsamer und ungleichmäßiger als viele Prognosen der vergangenen Jahre erwarten ließen. Als Vermögensverwalter denken wir in langen Zeithorizonten, und genau deshalb sehen wir Tankstellenunternehmen heute in einer strategisch besonders interessanten Phase. Der Verbrenner hat einen längeren Atem als politisch erhofft, gleichzeitig zwingt der strukturelle Wandel zu unternehmerischen Entscheidungen, die man nicht auf die lange Bank schieben sollte. Die Chancen liegen klar bei denjenigen, die sich früh transformieren. Tankstellen mit attraktiver Lage entwickeln sich zu echten Mobilitätshubs: Der Convenience-Bereich wächst kontinuierlich, und wer heute bereits Infrastruktur für das Laden von Elektrofahrzeugen oder für alternative Kraftstoffe aufbaut, sichert sich langfristig Kundenbindung und Relevanz. Das eigentliche Risiko liegt im Stillstand: Wer sich ausschließlich auf die Kraftstoffmarge verlässt, und die Diversifikation vernachlässigt, hält in zehn Jahren ein deutlich entwertetes Asset in den Händen.
Der jüngste Ölpreisschock im Zuge des Iran-Konflikts hat die Energiemärkte erheblich beeinflusst. Welche Auswirkungen sehen Sie kurzfristig und mittelfristig für Betreiber von Tankstellen sowie für deren Finanzierung und Bewertung?
Straßer: Geopolitische Schocks wie der Iran-Konflikt erinnern uns regelmäßig daran, dass Energiemärkte auf absehbare Zeit ein politisches Spielfeld bleiben. Kurzfristig entstehen für viele Betreiber spürbare Margenprobleme, weil steigende Einkaufspreise nicht sofort an die Zapfsäule weitergegeben werden können und Kunden sensibel auf Preiserhöhungen reagieren. Mittelfristig sind die Auswirkungen auf Finanzierungen und Unternehmensbewertungen besonders relevant. Investoren und Kreditgeber werden selektiver, die Anforderungen an Eigenkapitalquoten steigen und Betreiber mit breit aufgestellten Ertragsquellen erhalten deutlich bessere Konditionen als jene, die noch stark auf das Kraftstoffgeschäft konzentriert sind. Für Unternehmen, die heute gut aufgestellt sind, kann ein solcher Schock sogar zum Wettbewerbsvorteil werden, weil schwächere Marktteilnehmer unter Druck geraten und Konsolidierungsmöglichkeiten entstehen.
Welche Strategien empfehlen Sie Ihren Kunden aus der Mineralöl- und Tankstellenbranche, um ihre Geschäftsmodelle angesichts von Dekarbonisierung, veränderten Mobilitätsmustern und neuen Ertragsquellen zukunftssicher aufzustellen?
Straßer: Ich empfehle meinen Kunden grundsätzlich drei Stoßrichtungen.
Erstens: Standort neu denken. Eine gut gelegene Tankstelle ist nicht einfach eine Kraftstoff-Zapfanlage, sondern ein Frequenzpunkt im Alltag der Menschen. Dieser Wert bleibt auch dann bestehen, wenn die Antriebstechnologie wechselt – vorausgesetzt, man investiert in Aufenthaltsqualität, Convenience und Services.
Zweitens: Ertragsquellen diversifizieren. Wer heute die Abhängigkeit vom Kraftstoffgeschäft systematisch durch Shop-Konzepte, Schnellladen, Werkstattleistungen oder sogar regionale Energieversorgungsangebote reduziert, baut ein resilienteres Unternehmen.
Drittens: Kapitalstruktur im Blick behalten. Transformation kostet Geld, und die Finanzierungsfenster schließen sich erfahrungsgemäß genau dann, wenn man sie am dringendsten braucht. Wer jetzt, in einem noch stabilen Marktumfeld, in gute Eigenkapitalquoten und belastbare Bankbeziehungen investiert, sichert sich den nötigen Handlungsspielraum.
Inwiefern unterscheiden sich die Anforderungen und Risikoprofile der Tankstellen- und Mineralölbranche von anderen Industrien, die Sie betreuen, und wie wirkt sich das konkret auf Ihre Asset-Allokation und Risikosteuerung aus?
Straßer: Was viele Unternehmerfamilien aus der Tankstellenbranche eint, ist eine strukturelle Besonderheit im Gesamtvermögen: Das operative Unternehmen, also Standorte, Grundstücke und Betriebsvermögen, macht oft den weitaus größten Teil des persönlichen Nettovermögens aus. Gleichzeitig ist dieses Vermögen stark an regulatorische und energiepolitische Entwicklungen geknüpft, auf die der Eigentümer kaum Einfluss hat. Wie wir das im Anlagedepot konkret berücksichtigen, lässt sich dennoch nicht pauschal nach Branche beantworten. Wir gehen bei jedem Kunden vollständig individuell vor. Wir analysieren die Gesamtsituation der jeweiligen Familie oder Unternehmensgruppe: Wie stark hängt das Privatvermögen am Betrieb? Welche liquiden Reserven stehen zur Verfügung? Welche Risiken verträgt der Eigentümer und welche nicht? Aus dieser Analyse heraus entsteht erst eine sinnvolle Depotstruktur. Für manche Kunden bedeutet das, im Depot bewusst wenige Energie- und Infrastrukturwerte zu halten, weil das operative Unternehmen diese Risikoexposition bereits mehr als ausreichend abdeckt. Für andere kann es umgekehrt sinnvoll sein, gezielt auf Trends zu setzen, die das Kerngeschäft langfristig herausfordern könnten als eine Art natürlichen Ausgleich im Gesamtportfolio. Es gibt kein Standardrezept. Und genau das ist der Kern unserer Arbeit.
Hochzinsanleihen im Energiesektor haben sich zuletzt vergleichsweise robust gezeigt. Welche Rolle können entsprechende Finanzierungsinstrumente für Unternehmen der Tankstellenbranche künftig spielen – und wo sehen Sie dabei Grenzen oder Risiken?
Straßer: Dass sich Hochzinsanleihen im Energiesektor zuletzt robust gezeigt haben, überrascht nicht: Viele Emittenten haben ihre Bilanzen in den vergangenen Jahren deutlich verbessert, und die Cashflow-Stabilität des klassischen Tankstellengeschäfts ist für Anleiheinvestoren attraktiv. Als Finanzierungsinstrument haben High-Yield-Bonds durchaus Potenzial für größere Tankstellenunternehmen oder Mineralölgesellschaften, die gezielt Transformationsinvestitionen finanzieren wollen, ohne die Eigenkapitalbasis zu verwässern.
Die Grenzen liegen jedoch klar: Dieses Instrument ist nichts für mittelständische Einzelbetriebe – die erforderlichen Mindestgrößen, die Kapitalmarkt-Compliance und die Transparenzanforderungen überfordern kleinere Strukturen schnell. Hinzu kommt das Refinanzierungsrisiko: Wer in einem Umfeld sinkender Kraftstoffnachfrage eine Anleihe begeben hat, muss in fünf bis sieben Jahren refinanzieren – zu dann möglicherweise völlig veränderten Marktbedingungen. Das ist ein Risiko, das wir bei unseren Kunden sehr genau im Blick behalten.
Text: Lisa Levy


