
Die deutsche Tankstellenbranche befindet sich im Wandel, doch die Realität auf der Straße unterscheidet sich deutlich von vielen früheren Prognosen wie die heute vorgestellte aktuelle Tankstellenstudie mit ihren umfangreichen Marktdaten zeigt. Noch immer sind rund 96 Prozent der Pkw mit konventionellen Antrieben unterwegs. Während Elektromobilität und alternative Antriebe wachsen, bleiben flüssige Energieträger für die Mobilität der kommenden Jahre von zentraler Bedeutung.
Weniger Tankstellen, mehr Druck auf den Mittelstand
Erstmals ist die Zahl der Straßentankstellen in Deutschland unter 14.000 Standorte gefallen. Große Mineralölgesellschaften ziehen sich zunehmend aus dem operativen Geschäft zurück (TotalEnergies-Tankstellenverkauf an das kanadische Unternehmen Couche-Tard, Verkauf Jet-Netz), während Investitionsrisiken und unternehmerische Verantwortung verstärkt bei den Betreibern vor Ort liegen. Gleichzeitig steigen regulatorische Anforderungen und der Wettbewerbsdruck.
Politische Unsicherheit wird zum größten Geschäftsrisiko der Branche
Geopolitische Krisen (Iran-Krieg, Ukraine-Krieg), wechselnde Förderprogramme (E-Mobilität), neue Regulierungen (12-Uhr-Regel, Tankrabatt) und offene Entscheidungen über die künftige Ausgestaltung der Klimapolitik erschweren langfristige Investitionen. Für Tankstellenunternehmen werden stabile und verlässliche politische Rahmenbedingungen zunehmend zum entscheidenden Standortfaktor.
„Die Mobilitätswende gelingt nicht gegen den Mittelstand, sondern nur mit ihm. Der Mittelstand ist ein wichtiges Wettbewerbskorrektiv. Deshalb brauchen wir faire und planbare Investitionsbedingungen“, so Daniel Kaddik, bft-Hauptgeschäftsführer.
Tankstelle der Zukunft: Nicht nur laden, sondern alles anbieten
Die klassische Tankstelle entwickelt sich Schritt für Schritt zum Multienergie- und Service-Hub. Kraftstoffe, alternative Energieträger, Ladeinfrastruktur, Paketdienste, Nahversorgung und digitale Services wachsen zunehmend zusammen. Welche Konzepte erfolgreich sind, entscheidet jedoch auch die Politik, siehe die vom bft deutlich kritisierte 12-Uhr-Regel: „Nach 12 Uhr brechen vielerorts die Kundenfrequenz und damit das Bistro- und Snackgeschäft deutlich ein. An den Zapfsäulen herrscht oft Leere. Dabei erwirtschaften Tankstellen durchschnittlich rund 65 Prozent ihres Umsatzes mit Shop-, Gastronomie- und Serviceleistungen wie der Autowäsche, während nur etwa 35 Prozent auf den Kraftstoffverkauf entfallen“, so bft-Vorstandsvorsitzender Carsten Müller.
Nahendes Ende des Tankrabatt
Der so genannte Tankrabatt war auf 2 Monate begrenzt, die mittelständischen Tankstellen haben diesen vollständig weitergegeben. Das nahende Ende des Rabatts bedeutet: Vor dem 1. Juli dürfte es Vorzieheffekte geben, weil Verbraucherinnen und Verbraucher noch zum niedrigeren Steuersatz tanken wollen. Gleichzeitig können die Stationen ihre Preise beim Wiedereintritt des höheren Steuersatzes wegen der 12-Uhr-Regel nicht jederzeit unmittelbar anpassen. Auch dann bleibt ein Teil des Effekts zunächst bei den Betrieben hängen. Das ist aus Sicht des bft keine saubere Krisenpolitik, sondern eine Entlastung mit erheblichen Umsetzungsrisiken für den Mittelstand. Außerdem entscheidet jede einzelne bft-Tankstelle für sich, wie sie bepreist.
Carsten Müller dazu: „Aus unserer Sicht bräuchte es deshalb entweder einen steuerlichen Bestandsausgleich oder grundsätzlich einen Resilienzmechanismus für solche Eingriffe. Wenn der Staat Kraftstoffpreise politisch senken will, muss er die Realität der Lieferkette mitregeln: Stichtage, Altbestände, Weitergabe, Logistik und Versorgungssicherheit. Sonst entsteht der politische Eindruck einer einfachen Entlastung, während die operative Last bei den mittelständischen Tankstellen landet.“


