
Foto: Dominik Butzmann
Der VDA meldete für die ersten vier Monate 2026 ein Plus von 41 Prozent bei den BEV-Neuzulassungen, gleichzeitig blieb die Pkw-Produktion insgesamt unter dem Vorkrisenniveau. Im Interview spricht Hildegard Müller, Präsidentin des „Verbands der Automobilindustrie e.V.“ (VDA), über die Dynamik der Elektromobilität, die Rolle von Tankstellen im künftigen Mobilitätsmix, die Bedeutung erneuerbarer Kraftstoffe und die Herausforderungen beim öffentlichen Laden.
Dieses Interview erscheint in „tankstelle“ 08 am 15.07.2026.
1. Frau Müller, wie bewerten Sie die aktuelle Dynamik des Hochlaufs der Elektromobilität – und was bedeutet das für die Rolle klassischer Tankstellen im künftigen Mobilitätsmix?
Auch wenn wir beim Pkw-Markt insgesamt unter dem Vorkrisenniveau liegen, ist die Entwicklung bei den Elektro-Neuzulassungen im bisherigen Jahresverlauf dynamisch, wir werden beobachten, ob die E-Auto-Förderung ihre Wirkung entfalten wird. Unsere Hersteller haben eine Vielzahl unterschiedlicher Modelle auf den Markt gebracht, so dass sich immer mehr Menschen für E-Autos begeistern. Insgesamt bleibt trotzdem der Technologiemix entscheidend: E-Autos, Hybride, klassische Verbrenner, erneuerbare Kraftstoffe. Somit bedienen die Tankstellen der Zukunft diese unterschiedlichen Bedürfnisse – sie können dabei auch die Attraktivität der E-Mobilität steigern, indem sie Ladepunkte errichten. Gleichzeitig eröffnet sich für Tankstellen eine langfristige Transformationsperspektive mit Blick auf den Hochlauf von erneuerbaren Kraftstoffen.
2. Beim „Uniti Mobility Payment Forum„ Anfang 2026 wurde deutlich, dass einfache Bepreisung und unkompliziertes Bezahlen an der Ladesäule weiterhin zentrale Herausforderungen sind. Welche Standards oder Marktmodelle hält der VDA für notwendig, damit Elektromobilität für Kunden ähnlich komfortabel wird wie das klassische Tanken?
Wer die Transformation voranbringen will, muss dafür sorgen, dass Laden einfach, transparent und bezahlbar ist. Die Realität sieht jedoch häufig anders aus: Öffentliches Laden kostet vielfach wesentlich mehr als das Laden zu Hause. Gleichzeitig sind Verbraucher oft mit einem unübersichtlichen Tarifdschungel konfrontiert. Wir fordern mehr Transparenz für Verbraucherinnen und Verbraucher. Im Endeffekt ist das Ganze auch ein Umdenken, eine Umstellung im Kopf. Und das funktioniert am besten, wenn es maximal einfach ist und komfortabel. Kreative Konzepte, um das Laden auch attraktiver zu machen, wie das bidirektionale Laden, sind ebenso gefragt.
Großes Potenzial für Tankstellen
3. Sie betonen die Bedeutung eines funktionierenden Ökosystems für Elektromobilität – insbesondere für Menschen in Mietwohnungen. Welche konkrete Rolle sehen Sie dabei künftig für Tankstellenstandorte als Lade-, Service- und Convenience-Hubs, und welche politischen Rahmenbedingungen fehlen aus Ihrer Sicht noch?
Tankstellen stehen oft an verkehrsgünstigen und attraktiven Standorten und sind im Alltag vertraute Anlaufstellen für den Individual- und Wirtschaftsverkehr. Ich sehe hier daher großes Potenzial, besonders auch um Lücken in der Lade- und Wasserstoffinfrastruktur zu schließen. Damit Tankstellen diese Aufgabe wahrnehmen können, muss auch hier sichergestellt sein, dass der entsprechende Stromnetzausbau vorangetrieben wird und den Betreibern die notwendigen Netzkapazitäten zur Verfügung stehen. Gleichzeitig gilt: Trotz aller Herausforderungen, die ohne Zweifel bestehen, werden Tankstellen auch für die Bestandsflotte, Plug-in-Hybride oder Range-Extender auch in Zukunft weiterhin eine zentrale Anlaufstelle sein.
4. Sie plädieren für Technologieoffenheit und sehen neben batterieelektrischen Fahrzeugen auch Plug-in-Hybride sowie synthetische Kraftstoffe als wichtige Bausteine. Welche Perspektive geben Sie damit mittelständischen Tankstellenbetreibern, die heute darüber nachdenken, in alternative Kraftstoffe, Schnellladeinfrastruktur und neue Mobilitätsangebote zu investieren?
Klimaschutz gelingt nicht mit einer Ein-Technologie-Strategie. Batterieelektrische Mobilität wird zwar weit überwiegend der Antrieb der Zukunft sein, aber Plug-in-Hybride, Wasserstoff und erneuerbare Kraftstoffe müssen als Bestandteile der Lösung anerkannt werden. Erneuerbare Kraftstoffe wie E10 und perspektivisch E20 sind ein sofort wirksamer Hebel zur Reduktion von CO₂-Emissionen im Straßenverkehr. Diese Kraftstoffe können, sofern die Freigabe des Herstellers vorliegt, direkt in der bestehenden Fahrzeugflotte sowie perspektivisch in Fahrzeugen eingesetzt werden, die ausschließlich mit erneuerbaren Kraftstoffen betrieben werden. Damit sind erneuerbare Kraftstoffe auch für Tankstellen mit einer langfristigen Transformationsperspektive verbunden, denn die vorhandene Tankstelleninfrastruktur kann weiter genutzt werden. Das zeigt auch die Einführung von HVO100 in Deutschland. Jetzt muss Brüssel die regulatorischen Voraussetzungen schaffen und E10 und E20 normieren.
5. Laut dem „Auto Bild Market Barometer“ ziehen inzwischen 46 Prozent der deutschen Autofahrer beim nächsten Fahrzeugkauf einen Markenwechsel in Betracht, gleichzeitig gewinnen chinesische und digitale Anbieter insbesondere bei jungen, technologieaffinen Kunden an Aufmerksamkeit. Was bedeutet diese sinkende Markenloyalität für die etablierten Hersteller in Deutschland und Europa – und wie kann die Branche verloren gehendes Vertrauen langfristig zurückgewinnen?
Unsere Industrie ist im internationalen Wettbewerb gut aufgestellt und passt sich uns seit Jahrzehnten erfolgreich an Weltmarktentwicklungen an. Und unsere Unternehmen investieren in die Zukunft: Von 2026 bis 2030 weltweit 320 Mrd. Euro in Forschung und Entwicklung, weitere 220 Mrd. Euro fließen in Sachinvestitionen. Die deutsche Automobilindustrie setzt dabei auf ihre Stärken: höchste Sicherheit, höchste Qualität und Nachhaltigkeit. Das überzeugt Kundinnen und Kunden, ganz besonders auf dem Heimatmarkt. Sieben von zehn E-Autos, die in Deutschland 2025 neu zugelassen wurden, sind von einem deutschen Automobilhersteller. In Europa ist es jedes zweite. Wir stellen uns dem Wettbewerb selbstbewusst.
Text: Lisa Levy


