5 Fragen an… Dr. Michael Haberland, Vorstand, „Mobil in Deutschland e.V.“

Dr. Michael Haberland, Vorstand, „Mobil in Deutschland e.V.“
Foto: Mobil in Deutschland e.V.

Über 600 Tankstellen in Deutschland führen bereits den Kraftstoff HVO100. Der Automobilclub „Mobil in Deutschland e.V.“ unterstützt die Einführung. Dieses Interview mit Dr. Michael Haberland, Vorstand beim Automobilclub „Mobil in Deutschland e. V.“, ist erschienen in „tankstelle“ 07 am 15. Juni 2026.

  • Herr Haberland, über 600 Tankstellen in Deutschland führen HVO100 bereits. Welche Rückmeldungen erhalten Sie von Tankstellenbetreibern, die HVO100 trotz der noch begrenzten Nachfrage bereits anbieten – und was sind aus Ihrer Sicht die größten Hürden, die Betreiber vom Einstieg abhalten?

Wir sehen großes Engagement der Tankstellenbetreiber – vor allem im Mittelstand. Denn sie waren und sind die Vorreiter bei der Einführung von HVO100. Und die Kunden nehmen den neuen Dieselkraftstoff gut an, trotz noch geringer Bekanntheit. Es ist im Übrigen die beste Werbung für einen neuen Kraftstoff, wenn dieser an der Tankstelle zunehmend verfügbar ist. Die größten Hürden bei der Einführung von HVO100 sehe ich in überbordender Bürokratie und unsinnigen Behördenauflagen. Viele Betreiber würden gern einsteigen, scheitern jedoch an langwierigen Genehmigungen und schlicht fehlendem Platz.

  • Sie fordern „Angebote statt Verbote“. Welche regulatorischen Hindernisse bremsen den HVO100-Ausbau an deutschen Tankstellen aktuell am stärksten – und was erwarten Sie konkret von der Bundesregierung, damit der Kraftstoff schneller in die Fläche kommt?

Wir sehen die größten Hemmnisse in der Regulatorik und den bürokratischen Vorgaben. Die verpflichtende Schutzsorte E5 bindet Tankkapazitäten, die für HVO100 dringend benötigt würden. Hinzu kommen je nach Bundesland unterschiedlichste Genehmigungsverfahren und unklare Zuständigkeiten. Von der Bundesregierung erwarten wir daher klare, praxistaugliche Rahmenbedingungen, beschleunigte Verfahren und die Förderung alternativer Kraftstoffe, damit HVO100 zügig und flächendeckend verfügbar wird.

  • Viele Tankstellenbetreiber stehen vor der Frage, wie sie ihr Angebot zukunftssicher aufstellen – zwischen E-Mobilität, HVO100 und weiter laufendem Diesel- und Benzingeschäft. Wie lange hat der fossile Kraftstoff aus Ihrer Sicht noch eine verlässliche wirtschaftliche Perspektive?

Solange es den Verbrennungsmotor und seine vielfältigen Einsatzbereiche gibt, bleibt auch der Kraftstoffmarkt wirtschaftlich relevant. Ein vollständiger Umstieg auf reine E‑Mobilität ist weder technisch noch infrastrukturell absehbar und physikalisch auch nicht möglich. Entscheidend wird daher sein, ob Kraftstoffe künftig fossil oder erneuerbar bereitgestellt werden. Für diesen notwendigen Shift brauchen wir mehr Forschung und ein größeres Angebot an erneuerbaren Kraftstoffen wie HVO100, der bereits die Dieselseite abdeckt. Perspektivisch müssen auch erneuerbare Benzinkomponenten entwickelt und skaliert werden, um den Verbrenner langfristig klimafreundlich zu halten.

Technologieoffenheit als zentraler Grundsatz
  • Die Politik setzt stark auf Elektromobilität, während Ihr Automobilclub alternative Kraftstoffe wie HVO100 propagiert. Sehen Sie beide Technologien als gleichwertige Säulen der Mobilitätswende – oder hat HVO100 für bestimmte Fahrzeug- und Nutzersegmente klar die besseren Argumente?

Wir betrachten Technologieoffenheit als zentralen Grundsatz – wir brauchen alle Optionen. Jede Antriebsform hat spezifische Stärken: Die E‑Mobilität wird eine wichtige Rolle spielen, doch HVO100 bietet gerade dort klare Vorteile, wo Elektrifizierung absehbar nicht möglich ist – etwa in Logistik, bei Vielfahrern oder in der Schifffahrt. Gleichzeitig sollte HVO100 auch Fahrern klassischer Verbrenner offenstehen. Unser Anspruch ist es nicht, Antriebe vorzuschreiben, sondern Angebote zu schaffen, damit Menschen und Unternehmen frei entscheiden können, welche Lösung zu ihrem Bedarf passt.

  • „HVO100 goes Germany“ richtet sich auch an Unternehmen. Was können Tankstellenbetreiber konkret tun, um die Kampagne zu unterstützen – und welche Vorteile haben sie davon, sich öffentlich zu positionieren?

Unsere Kampagne „HVO100 goes Germany“ hat sich zum Ziel gesetzt, die Bekanntheit von HVO100 erhöhen und damit eine sofort verfügbare Option für die Dekarbonisierung des Verkehrs zu stärken. Wir möchten zeigen, dass erneuerbare Kraftstoffe bereits heute praktikable Lösungen bieten und dass ihr Potenzial in Deutschland noch längst nicht ausgeschöpft ist. Dazu gehört auch unser Engagement für bessere regulatorische Rahmenbedingungen. Tankstellenbetreiber können konkret unterstützen, indem sie HVO100 anbieten, sichtbar bewerben und sich öffentlich dazu bekennen. Jeder ist eingeladen mitzumachen – denn eine breite Beteiligung zeigt, dass es einen realen Markt und ein wachsendes Interesse an erneuerbaren Kraftstoffen gibt.

Text: Lisa Levy

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