
Weniger Bier, aber mehr Vielfalt: Der deutsche Biermarkt befindet sich im Wandel. Im Gespräch mit der „tankstelle“ erklärt Nina Göllinger, Pressesprecherin des „Deutschen Brauer-Bundes e.V.“, welche Trends die Branche gerade antreiben – und warum Biermixgetränke längst kein Nischenprodukt mehr sind.
Ebenfalls heute, am 15. Mai 2026, erscheint die Juni-Ausgabe der „tankstelle“ – mit dem ausführlichen Artikel „Weniger Alkohol, mehr Geschmack“ zum Thema Bier- und Biermixgetränke, in dem Nina Göllinger sowie weitere Experten die neuesten Trends eingehend beleuchten.
Frau Göllinger, welche Möglichkeiten sehen Sie für Tankstellen, den rückläufigen Bierkonsum wieder zu beleben?
Nina Göllinger: „Brauereien haben ihre Angebotsvielfalt in den vergangenen Jahren deutlich erweitert, weit über klassische Biere hinaus. Ein nachhaltiger Trendwechsel beim Bierkonsum lässt sich zwar erfahrungsgemäß nicht über einzelne Vertriebsorte allein erzielen. Tankstellen können jedoch einen wichtigen Impuls setzen, indem sie ihr Sortiment weiterhin an veränderte Konsumgewohnheiten anpassen und die Angebotsvielfalt der Brauereien aufgreifen. Dazu zählen insbesondere eine größere Vielfalt an alkoholfreien Bieren, innovativen Biermischgetränken sowie regionalen und handwerklich gebrauten Spezialitäten.
Zudem gewinnen kleinere Gebinde, gekühlte Angebote sowie eine ansprechende Platzierung zunehmend an Bedeutung. Entscheidend ist darüber hinaus, Bier stärker als qualitativ hochwertiges Genussprodukt zu positionieren – auch im Unterwegs-Konsum. In der Summe können Tankstellen so dazu beitragen, neue Zielgruppen zu erschließen und bestehende Konsumanlässe gezielt zu stärken.“
Welche Rolle spielen alkoholfreie Biere und Biermischgetränke aktuell – insbesondere im Hinblick auf jüngere, gesundheitsbewusste Zielgruppen?
Göllinger: „Alkoholfreie Biere haben für die Brauereien in Deutschland einen hohen Stellenwert. Kein anderes Segment der Brauwirtschaft hat in den letzten zwanzig Jahren so stark zugelegt wie alkoholfreie Biere und alkoholfreie Biermischgetränke, etwa Radler. Deutschland ist heute europaweit führend bei der Produktion alkoholfreier Biere und auch in unseren Exportmärkten wächst die Begeisterung für qualitativ hochwertige deutsche alkoholfreie Biere weiter.
Die veränderten Konsum- und Lebensgewohnheiten der Menschen und das wachsende Gesundheitsbewusstsein tragen dazu bei, dass alkoholfreie Biere immer beliebter werden – ohne, dass dies den Absatz alkoholhaltiger Biere stark schmälert. Diese Haltung zu einem bewussten Lebensstil und die damit einhergehende steigende Nachfrage nach alkoholfreien Alternativen haben dazu beigetragen, dass sich alkoholfreie Biere immer stärker etabliert haben. Dazu kommt, dass sich der Geschmack der Alkoholfreien enorm verbessert und sich damit auch die Qualität und Vielfalt der Alkoholfreien erhöht hat.
Wir erreichen mit alkoholfreien Bieren völlig neue Konsumentenkreise, auch viele Verbraucherinnen und Verbraucher, die zuvor kein oder kaum Bier im Kühlschrank hatten. Viele alkoholfreie Biere sind zudem mineralisch und isotonisch, sodass der Körper die Inhaltsstoffe besonders leicht verarbeiten und nutzen kann. Ein Vorteil, den gerade Sportler schätzen, darum sind die Alkoholfreien bei verschiedenen Sportevents wie zum Beispiel Marathons oder Radrennen besonders beliebt. Man kann sagen: Alkoholfreie Biere sind von einem Nischenprodukt zum Lifestyle-Getränk geworden.“
Wie beurteilen Sie die aktuellen Entwicklungen auf dem Biermarkt, und welche Strategien sind aus Ihrer Sicht für Brauereien derzeit besonders wichtig?
Göllinger: „Die Situation für die rund 1.500 Brauereien in Deutschland ist momentan sehr herausfordernd. Der Bierabsatz ist seit Jahren rückläufig, unter anderem bedingt durch demografische Entwicklungen sowie aktuell durch die anhaltende Konsumflaute. Gleichzeitig stehen die Brauereien durch hohe Kosten für Energie, Rohstoffe und Logistik massiv unter Druck.
Während klassische Bierkategorien rückläufig sind, entwickeln sich andere Segmente deutlich positiver. Besonders hervorzuheben ist der Bereich alkoholfreier Biere und Biermischgetränke, der aktuell das stärkste Wachstum verzeichnet. Alkoholfreie Biere haben 2025 im Handel erstmals einen Umsatzanteil von über zehn Prozent erreicht – mit weiter steigender Tendenz.
Auch wenn die Braubranche unter Druck bleibt: Wir beobachten, dass sich die deutsche Brauwirtschaft in den vergangenen Jahren als sehr resilient und krisenfest erwiesen hat. Die Betriebe haben sich auf die neue Situation eingestellt und unterschiedlichste Lösungen gefunden, auf den rückläufigen Bierabsatz zu reagieren, neue Märkte zu erschließen, neue Produkte zu entwickeln und neue Chancen zu nutzen im In- und Ausland.“
Mit Blick auf die kommende Fußball-Weltmeisterschaft: Welche Impulse erwarten Sie für den Bierabsatz, und welche Bedeutung haben solche Großereignisse heute noch für die Branche?
Göllinger: „Die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 kann für die deutsche Brauwirtschaft wichtige wirtschaftliche Impulse setzen. Internationale Turniere schaffen zusätzliche Konsumanlässe und beleben gerade in den Sommermonaten die Nachfrage nach Bier.
Aber ein nachhaltiger Aufschwung kommt nicht von allein: Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass sportliche Großereignisse längst kein Selbstläufer mehr sind. Selbst die Heim-EM 2024 konnte nur wenig Impulse setzen. Entscheidend ist daher das gesamtwirtschaftliche Umfeld: Derzeit bremsen hohe Kostenbelastungen und geopolitische Unsicherheiten die Kauflaune der Verbraucher und damit auch die Absatzchancen der Brauereien. Hinzu kommt: Der wirtschaftliche Effekt einer WM hängt maßgeblich vom sportlichen Erfolg der deutschen Nationalmannschaft und von günstigen Wetterbedingungen ab – Faktoren, die sich nicht steuern lassen.“
Text: Tabea Schmelz


