Feature – Betriebsübergang einer Tankstelle in Diepholz

Foto: Dr. Tobias Romberg

Dieser Beitrag „Staffelübergabe in Diepholz“ erschien in der Januar/Februar-Ausgabe des „tankstelle“-Magazins am 15. Januar 2026.

Viele Tankstellen in Deutschland werden in zweiter, dritter
oder gar vierter Generation geführt. Tankstelle ist oft auch lebendige Familiengeschichte. In Diepholz endete nun eine Ära.
Nach mehr als sechs Jahrzehnten unter Führung der Familie
Teichmann liegt das Schicksal der Station nun in den Händen
eines neuen Besitzers.

Claus Teichmann sitzt dort, wo er in den vergangenen Jahrzehnten so oft gesessen hat: Auf dem „Chefsessel“ im kleinen Büro der freien Tankstelle an der Hindenburgstraße im niedersächsischen Diepholz. Doch der 60-Jährige ist nicht mehr der Chef dieser Tankstelle. Er ist Besucher. Oder auch Berater. Oder die gute Seele dieser Tankstelle, die mehr als 60 Jahre von Familie Teichmann geführt wurde. Das ist Ansichtssache. Claus Teichmann hat die Tankstelle vor einigen Monaten verkauft, doch so ganz lässt sie ihn nicht los. Oder er sie nicht. Auch das ist Ansichtssache.

Vergangenheit und Zukunft in einem Foto: Claus Teichmann (l.), ehemaliger Inhaber der Tankstelle Diepholz, und
Zenar Nebo (r.), neuer Inhaber der Freien Tankstelle in der Hindenburgstraße 58 in Diepholz.
Foto: Dr. Tobias Romberg

Teichmann hat drei Fotoalben der Familiengeschichte mitgebracht. Viele Seiten zeigen Fotos der Tankstelle, denn diese hat maßgeblich das Leben der Teichmanns geprägt. Claus Teichmann wird mit dem „tankstelle“-Reporter in der nächsten Stunde durch bewegte und bewegende Tankstellengeschichte galoppieren. Ein dynamischer, sportlicher Mann betritt den Shop der Tankstelle und startet direkt durch zum angrenzenden Büro. „Hallo Claus, auch wieder hier?“, sagt er. Der Mann heißt Zenar Nebo, ist 40 Jahre alt und seit dem 1. August 2025 Besitzer dieser Tankstelle. Nebo hat Teichmann die Tankstelle abgekauft. Der Preis bleibt geheim. Nebo ist Gegenwart und Zukunft der Station, Teichmann die Vergangenheit.

Wo einmal alles begann

Die Vergangenheit spricht zuerst. Claus Teichmann springt in das Jahr 1963, zwei Jahre vor seiner Geburt. Sein Vater Waldemar arbeitete damals als Maschinist viel auswärts, immer wieder Aufträge im Norden, immer wieder Tage und Nächte ohne die Familie, die mit der Geburt von Claus als drittes Kind 1965 komplettiert werden sollte. Großvater Arno war in Diepholz als Dachdecker beschäftigt. Als er 1963 das Dach für eine neue BP Tankstelle in der Hindenburgstraße baut, erfährt er, dass die BP für die neue Station einen Pächter sucht. Er berichtet seinem Sohn Waldemar davon. Dieser bewirbt sich bei der BP in Hamburg, bekommt die Zusage, absolviert einen vierwöchigen Lehrgang an einer Großtankstelle in der Hansestadt und ist fortan für die Diepholzer Tankstelle zuständig.

Die Teichmanns ziehen ganz in die Nähe der Tankstelle und schlagen Wurzeln in Diepholz. Und Claus Teichmann wächst als „Tankstellenkind“ auf. „Ich habe eine tolle Kindheitserinnerung. Opa Arno hat uns auf dem Rasen hinter der Tankstelle einen Sandkasten gebaut. Auf dem Gelände neben der Tankstelle wurden viele Altreifen gelagert. Mit denen haben wir gespielt. Wir haben sie gestapelt und uns versteckt“, erzählt Claus Teichmann lebendig. Und während Teichmann, im Büro sitzend, in die Geschichte abtaucht, grüßt immer mal wieder die Gegenwart. Stammkunden, die den Shop betreten, kommen zur offenen Tür des Büros und freuen sich, ihn wiederzusehen: „Claus, wie geht es?“, „Claus, was machst Du denn hier?“ oder auch: „Claus, steigst Du wieder ein?“.

Claus wird nicht wieder einsteigen. Das hat er vor 40 Jahren gemacht, nach Abschluss der Kfz-Lehre bei „Opel“ in Diepholz. „Ich war zunächst, als mein Vater noch der Chef war, Mädchen für alles. Ich habe Kassenschichten gemacht, Autos gewaschen, Autos repariert, mich um Abrechnungen gekümmert und Hofdienst gemacht“, erinnert er sich. Es sind spannende Zeiten Mitte der 1980er-Jahre. Die BP plante, die Tankstelle zu verkaufen und Claus‘ Vater Waldemar spielte mit dem Gedanken, zu kaufen. Er spricht mit einem befreundeten Mineralölhändler. Dieser kauft einen Tankwagen, um zukünftig Teichmanns Lieferant sein zu können. Und Arno Teichmann kauft die Tankstelle.

Stolze Tankstellenbesitzer

„Damals konnte man nicht von Spritverkauf leben. Das hat nicht gereicht, um eine Familie zu ernähren. Unsere Tankstelle hat auch immer von der Werkstatt profitiert, die dazugehört“, sagt Claus Teichmann.

Ein Meister sei für den Betrieb einer solchen Werkstatt damals nicht erforderlich gewesen. Sein Vater konnte Schweißen wie ein Weltmeister. „Mein Vater hat alles repariert. Er hat sogar neue Böden in Töpfe gelötet, wenn diese alt wurde. Sein Motto war immer: „Geht nicht, gibt es nicht.“ Ein Shopkonzept, so wie man es heute kennt, habe es damals nicht gegeben. Verkauft wurden lediglich Öle, Polituren und weiteres Zubehör für Autos.

Die Tankstelle hält sich, ist beliebt bei vielen Stammkunden, die die Zuverlässigkeit der Teichmanns zu schätzen wissen, wird in den Jahren 1996 bis 1997 umgebaut. 2003 übernimmt Claus Teichmann das Ruder. Vater Waldemar zieht sich nach und nach aus dem Alltagsgeschäft zurück und Sohnemann Claus trägt nun die volle Verantwortung. „Wir haben sieben Tage die Woche für die Tankstelle gelebt und gearbeitet. Wir haben auf vieles verzichtet, aber ich habe damals schon den Plan gefasst, dass ich mit 60 aussteigen werde, wenn es die Lage zulässt“, erzählt Claus Teichmann. Der Plan sollte 2025 aufgehen, auch dank einer Rentenzusatzversicherung und dem Verkauf der Tankstelle an Zenar Nebo.

Höhen und Tiefen

Wenn Claus Teichmann auf seine Zeit als Tankstellenbesitzer zurückschaut, sprudeln die Anekdoten aus ihm heraus. Viel Spaß habe man gehabt. Und viel Schabernack habe man betrieben. Immer wieder sei es darum gegangen, Vater Waldemar zu verulken. So habe Claus in jungen Jahren das Foto einer nackten Schönheit aus einem Magazin ausgeschnitten und auf die Heckscheibe des väterlichen Fahrzeugs geklebt. Dieser habe sich sehr gewundert, dass er von vielen anderen Autofahrern angehupt wurde. Doch Claus Teichmann berichtet auch von schwierigen Zeiten. Vor Jahrzehnten sei häufig in die Tankstelle eingebrochen wurde. Familie Teichmann wusste sich zu helfen, indem sie Wachhunde anschaffte, oft „aussortierte“ Schäferhunde der Bundeswehr.

Lebhaft erinnert sich Teichmann an die „sieben schlechten Jahre“, die mit dem Preiskampf der großen Mineralkonzerne ab 2006 auch in Diepholz spürbar waren. Viele kleine Tankstellen verschwanden damals vom Markt, die Teichmanns konnten sich insbesondere wegen der gut laufenden Werkstatt halten. Ab 2013 ging es dann bergauf. Der Shop wuchs, die Zahl der Kunden, die nur mal eben schnell noch etwas im Shop kaufen wollten, auch.

Nebo übernimmt das Ruder
Zenar Nebo – seit dem 1. August 2025 Besitzer der Freien Tankstelle in Diepholz.
Foto: Dr. Tobias Romberg

Claus Teichmann ist nun in der Gegenwart angekommen. Es ist Zeit für Zenar Nebo, der während meines Gesprächs mit Teichmann vor der Tankstelle am Handy Geschäftliches geregelt hat, einzusteigen. Nebos Familie kommt aus dem türkisch-syrischen Grenzgebiet. Zenar Nebo lebt seit 16 Jahren in Diepholz. Im Schnelldurchlauf berichtet er von seinem Leben: Schule abgebrochen, mit der Familie in Ostdeutschland nach und nach in den Autohandel eingestiegen. Zenar Nebo kauft anfangs für einige hundert Euro Kleinwagen bei „Ebay“, wertet sie auf und verkauft sie wieder. 2009 zieht er mit seiner Frau, seinem Bruder und dessen Frau nach Diepholz. Seit 2011 führt er dort allein ein Autohaus, lernt so auch Claus Teichmann kennen, der immer wieder Reparaturen für Nebo durchführt.

„Ich habe dann gehört, dass Claus verkaufen möchte. Ich dachte mir, das ist eine gute Ergänzung zum Autohaus. Wir sind uns schnell einig geworden“, sagt Zenar Nebo. Claus Teichmann ergänzt, dass alles sehr reibungslos über die Bühne gegangen sei. Nebo weiß, dass er sich auf Teichmann verlassen kann. „Er hat mir in der Anfangszeit viel geholfen. Ich hatte null Ahnung vom Tankstellengeschäft, bin aber in den ersten Monaten gut reingekommen“, sagt Nebo.

Seit dem 1. August 2025 hat er schon eine Menge verändert: Neues Logo, neue Farben, Digitaldisplay über dem Shop, Renovierung des Shops. Nebo hatte anfangs zwar mit dem Gedanken gespielt, die Tankstelle abzureißen, um mehr Fläche für den Verkauf von Autos zu haben. Doch dann reifte der Plan, Autohaus und Tankstelle mitsamt Werkstatt zu kombinieren.

Die Tankstelle im Wandel
Nebo nimmt einige Veränderungen an der
Tankstelle vor, eines bleibt jedoch gleich: Die Zapfsäulen von 1985.
Foto: Dr. Tobias Romberg

Zenar Nebo hat klare Ziele: Schritt für Schritt wolle er den Shop vergrößern, Snacks anbieten und Kundentoiletten bauen. Claus Teichmann sagt, dass sich schon vieles sehr positiv verändert habe. Er, der Tankstellennostalgiker, ist jedoch froh, dass draußen noch die mehr als 40 Jahre alten Zapfsäulen stehen. „Die haben wir Teichmanns 1985 angeschafft. Und die sind unkaputtbar“, sagt er stolz. Unser Gespräch endet. Zenar Nebo muss nun zur Bank. Claus Teichmann packt seine Fotoalben ein, hält an der Kasse des Shops noch einen kleinen Plausch mit der jungen Mitarbeiterin und geht dann nach Hause. Er wird in den nächsten Tagen wiederkommen. Denn die Tankstelle liegt ihm noch sehr am Herzen, auch wenn er die Freiheiten des Ruhestands sichtlich genießt.

Text: Dr. Tobias Romberg

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