
Foto: Kai-Uwe Digel
Dieser Beitrag „Mit Herz und Leidenschaft für die Kunden“ erschien in der Januar/Februar-Ausgabe des „tankstelle“-Magazins am 15. Januar 2026 und zeigt, wie eine Tankstelle in Oberbayern dem US-amerikanischen „Diner-Style“ folgt und damit erfolgreich ihre Kunden überzeugt.
Es fällt sofort ins Auge, wenn man kurz nach der Autobahn den Ortseingang von Prien am Chiemsee passiert: Das ist keine Tankstelle aus dem Standard-Baukasten. „Tom’s Tankstelle“ in Prien am Chiemsee ist wunderbar anders.
Die Überdachung des Tankbereichs ist in Rot und Türkis gehalten und mit dem geschwungenen Schriftzug „Tom’s“ versehen, was eher an eine Gas Station im amerikanischen Westen als eine Freie Station im bayerischen Voralpenland erinnert. Also flugs abgebogen um sich das mal von der Nähe anzuschauen – und es bleibt interessant: Die Zapfsäulen sind mit einem coolen Logo im Retro-Design gekrönt, den Shop-Eingang zieren historische Blechschilder – und dazu singt Johnny Cash. Der hat seinen Truck natürlich nicht hierher gesteuert, aber sein Sound tönt aus dem auch draußen hörbaren Lautsprecher und sorgt dafür, dass die Hüfte beim Tankvorgang unweigerlich ein wenig mitschwingt.
„Tom’s Tankstelle“ überzeugt nun auch mit HVO100
Man spürt sie einfach, die lässige Stimmung an „Tom’s Tankstelle“ – und das obwohl heute ein besonderer Tag ist. Denn genau jetzt gehört auch HVO100 zum Angebot, nachdem Betreiber Thomas Freund immer wieder von Kunden mit dem Wunsch danach angesprochen worden ist und sich auch selbst bei diversen Fahrzeugen von der Performance des neuen Kraftstoffs überzeugt hat. In diesem frühen Moment hat zwar noch niemand die HVO-Pistole gezückt, das bringt Freund aber null aus dem Konzept. Er glaubt an den Produkt-Mix für die Mobilität der Zukunft und auch daran, dass es seine Kunden zu schätzen wissen für das Tanken der ökologischen Diesel-Variante keine weiten Strecken mehr in Kauf nehmen zu müssen. Mit seiner positiven Einstellung wirkt der Mann so gelassen wie die ganze Atmosphäre hier, und führt nun auch freudig durch seinen kleinen und ziemlich speziellen Shop-Bereich.
Keine Tankstelle aus dem Standardbaukasten
Auf den 75 Quadratmetern inklusive Toilette und begehbarer Kühlzelle spiegelt sich das vielleicht schönste Einrichtungs-Konzept der Vereinigten Staaten wider: Der karierte Boden, die originalgetreuen Sitzgelegenheiten, die Wandgestaltung im Pop-Art-Style und die Deckenbeleuchtung aus Auto-Schweinwerfern fügen sich optisch zu einem Mini-Diner, wie man es aus Hollywood-Filmen oder eigenen Besuchen in den Staaten kennt. Auch Thomas Freund ist schon da gewesen und hat dort die Inspiration dafür bekommen das amerikanische Lebensgefühl nach Oberbayern zu transportieren. In die Tankstelle, die er 2018 zusammen mit seiner Frau Tamara übernommen hat, und bei der bald eine umfassende Neustrukturierung angesagt gewesen ist. Auf einer Fachmesse hatte ein Ladenbauer zufällig ein ähnliches Shop-Konzept im Angebot, das nun auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnitten werden konnte.
Das hieß vor allem den Look zu kreieren und kein richtiges Schnell-Restaurant daraus zu machen. Denn eines einer großen Kette gibt es bereits in der Nachbarschaft, so dass sich die Freunds gastronomisch auf die Tankstellen-Klassiker wie frisch belegte Brötchen, kleine Kuchen und Snacks verlegen, bei denen sie auch mit einem regionalen Bäcker zusammenarbeiten. Einen größeren Imbiss hatten sie nie im Sinn, da dafür auch zusätzliches Personal und noch mehr Investitionen in die Infrastruktur nötig gewesen wären. „Wir beschränken uns auf die Dinge, die gut gehen“, sagt Thomas Freund. Und das alles scheint gut anzukommen, denn der Shop ist seit der Neueröffnung vor vier Jahren auch zu einem festen Treffpunkt geworden: Schon vormittags kommen Ruheständler, Handwerker und Außendienstler zur Pause oder für einen Plausch vorbei. „Das ist unsere kleine Kaffeegesellschaft“, fügt er verschmitzt hinzu. Das Ambiente zieht an – sogar schon mal ein Hochzeitspaar, das gefragt hat, ob es in der Sitzecke des kleinen Diners ein Foto-Shooting machen kann.
„Unsere Kunden feiern das“
Die Freunds betreiben die Station, die es bereits seit 1954 gibt, und die einst als „Dea“ und „Texaco“ beflaggt war, nun in dritter Generation. Tamara Freunds Urgroßvater hat die erste Tankstelle damals an dieser Stelle erbaut und von ihrem Opa haben sie sie vor sieben Jahren übernommen. „Von ihm habe ich sehr viel gelernt“, sagt Thomas Freund, der schon lange eine „gewisse Selbstständigkeit“ im Kopf gehabt hat, bei der ihm nun auch seine umfangreiche Berufserfahrung im Vorfeld zugutekommt. Nach seiner Ausbildung als Industriemechaniker und Automobilkaufmann konnte er schnell Führungspositionen in diversen Unternehmen übernehmen, arbeitete als Service-Leiter eines Autohauses und als Betriebsleiter einer Nutzfahrzeugwerkstatt und legte noch den Abschluss als geprüfter Betriebswirt obendrauf. Freund ist ein Macher, der Dinge gerne selbst in die Hand nimmt, sei es auf der technischen oder auch auf organisatorischen Seite.
Die richtige Unterstützung
Dabei unterstützt ihn seine Frau im Büro, beim Einkauf und bei den Social Media-Aktivitäten, auf die sie viel Resonanz bekommen. Auf ihrem „Instagram“-Kanal gibt es zum Beispiel Erklär-Videos zur Waschanlage oder auch die ein oder andere lustige Aktion wie zum Beispiel den ausgedachten mobilen Tankservice am 1. April. „Unsere Kunden feiern das“, sagt Thomas Freund und würde jeder freien Tankstelle empfehlen sich entsprechend zu engagieren: „Man braucht jemanden im Haus, der sich darum kümmert“. Um den restlichen Ablauf des Unternehmens kümmert sich ein insgesamt zehnköpfiges Team aus Vollzeit- und Teilzeit-Mitarbeitern, sowie Mini-Jobbern. Allen gemein: Der Dienst am Kunden steht an erster Stelle. Das betrifft Service-Angebote wie den Paketshop genauso wie extra Wünsche nach einer speziellen Bier- oder Zigarettensorte.
Lediglich eine Tankstelle zu sein, reicht hier nicht. „Ich versuche die Leute beim Tanken einfach mal kurz aus dem Alltag rauszuholen“, sagt der Stations-Chef. Dabei hilft ihm auch der Status als freier Unternehmer, wie er erläutert: „Ich kennen meinen Markt und meine Kundschaft am besten und möchte auch die die Dinge verwirklichen, die ich für sinnvoll halte – da habe ich meinen eigenen Kopf!“ Mit einem Pachtvertrag hätte er die Station vermutlich auch nicht übernommen, überlegt Thomas Freund weiter. Und dass die Entscheidung in dieser Form rückblickend genau richtig war. Auch wenn es Nachteile gibt: Man muss sich selber um die Werbung kümmern, trägt alle Kosten im Tankfeld, Abnahmen und Untersuchungen müssen alleine gestemmt werden. Dieses zählt er beispielhaft auf und bekräftigt sofort: „Selber entscheiden zu können überwiegt das aber alles“.
Text: Kai-Uwe Digel

Foto: Kai-Uwe Digel

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Foto: Kai-Uwe Digel

Oliver Geisler sind die beiden Vollzeitkräfte in der Station in Prien am Chiemsee.
Foto: Kai-Uwe Digel

Foto: Privat


